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DIE KOLUMNE: Ab morgen Anarchie! Drucken E-Mail
Dienstag, den 28. Juli 2009 um 02:55 Uhr

Rainer Sander (Foto: nh24/Alexander Wittke)Es sind nicht nur Politiker, die Sommerlochthemen produzieren. Auch Journalisten, diese Text-Paparazzis, die gierig nach jedem Thema lauern, das irgendwie gut klingt. Was ist eigentlich passiert? Ministerin Ulla Schmidt ist mit ihrem „Firmenwagen" auf Urlaubsreise in Spanien. Dabei kam das 100.000 Euro teure Gefährt abhanden. Der Dieb wird rot ärgern, dass ihn gar keiner ernst nimmt und verfolgt. Wir führen eine viel wichtigere Diskussion: Ob Politiker ihre Dienstwagen mit in den Urlaub nehmen dürfen? Neben Opel, Quelle, Afghanistan, einem verrückt spielenden Iran, der inneren Sicherheit oder einer sanierungspflichtigen Umwelt, eines unserer Top-Themen! Es kann uns eigentlich gar nicht so schlecht gehen!

Alle ambulanten Altenpflegerinnen, die kaum mehr als in einem Mini-Job verdienen und dank zusätzlicher Versteuerung der privaten Nutzung ihres Dienst-Twingos, diesen auch mit an die Ostsee nehmen dürfen, haben seit dem letzten Wochenende ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Dem Kundendienstmonteur, der ebenso die private Nutzung seines firmenbeschrifteten Golf-Kombis bezahlt und für sein Unternehmen Werbung bis an die Costa Brava fährt, geht es genauso. Und erst recht dem Außendienstmitarbeiter, der 60 Stunden jede Woche mit dem neutralen Firmen-A6 prügelt und froh ist, dank privater Nutzungsvereinbarung, den Privat-PKW einsparen zu können, um sich überhaupt mit der Familie den Urlaub in Österreich leisten zu können. Sie alle dürfen den Firmenwagen privat benutzen, weil sie dafür bezahlen. Natürlich auch der Manager eines Unternehmens mit seiner S-Klasse und der selbständige Unternehmer, der seinen Privatanteil sowieso versteuern muss, ob er das will oder nicht.

Und keiner zahlt pro Kilometer sondern eine pauschale nach dem Listenpreis des Wagens. Bei 100.000 Euro nicht wenig! Wäre es ökonomisch sinnvoll, wenn all die vielen Menschen, die einen Dienstwagen haben noch ein zweites, privates Auto kaufen müssten, wenn sich Firma und Mitarbeiter auch ein Auto „teilen" können? Egal ob die Firma Pflegedienst Helfende Hand oder Bundesrepublik Deutschland heißt. Und dass Politiker sich in ihren gepanzerten und gesicherten Fahrzeugen - gerade im Ausland - bewegen, wollen wir ihnen nicht wirklich missgönnen. Oder?

Wenn ich meine Kommentare zu Ulla Schmidts Politik und Gesundheitsreformen resümiere, habe ich bisher wenig wirklich Positives geschrieben. Aber wenn sie ihren Job wegen eines Dienstwagens verliert, deren private Nutzung sie pauschal versteuert, müssten vermutlich alle Bundes- und Landesminister sowie Staatssekretäre gleichzeitig mit ihr gehen. Das Land wäre ohne Regierungen und ab morgen in blühender Anarchie. Konsequenterweise müssten wir auch alle Arbeitnehmer, die ihre Firmenwagen brav mitbezahlen, aus dem Urlaub zurückpfeifen. Happy Holidays neidisches, sensationsfreudiges Deutschland!

Ihr Rainer Sander

 

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