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Die Rhetorik der Forensik Drucken E-Mail
Freitag, den 03. Februar 2012 um 18:51 Uhr
Ein Besucher eines Medientermins zur Ausstellung "Mengeles Schaedel. Der Aufstieg der forensischen Aesthetik" betrachtet am Freitag (03.02.12) im Portikus in Frankfurt am Main in einem Ausstellungsraum eine Videoinstallation. Die Ausstellung laeuft bis zum 06. Mai 2012. (Foto: Mario Vedder/dapd)Frankfurt. Ein Schädel, dessen Foto 1985 um die Welt ging, ist Anlass einer Installationsschau der Frankfurter Städelschule im Neuen Portikus auf der Maininsel. Die Ausstellung "Mengele's Skull" (Mengeles Schädel) thematisiert ab Samstag (4.Februar) mit Videoclips, lasergenerierten Drei-D-Modellen und filmisch inszenierten Referaten von Forschern die besondere Ästhetik, die sich moderne Forensik rhetorisch zunutze macht.

Der vor 27 Jahren aus brasilianischer Erde gehobene Schädel des KZ-Arztes Josef Mengele liegt zwar längst in der Gerichtsmedizin von Sao Paulo. Er hat aber in der Frankfurter Schau einen bizarren virtuellen Auftritt.

"Forensik steht heute für Gerichtsmedizin", sagt der Rektor der Städelschule, Nikolaus Hirsch, bei einer Vorabbesichtigung der Ausstellung am Freitag. "Das Wort stammt aber vom lateinischen forum, als öffentlichem Platz für die Justiz."

Wie auf einem Marktplatz müssten Wissenschaftler heute vor Gerichten, internationalen Untersuchungskommissionen oder Tribunalen überzeugen können, wenn sie die Ergebnisse von angeforderten Befunden über Verbrechen Einzelner oder auch ganzer Völkergruppen darstellen, erklärt Hirsch. "Da ist eine ganz eigene Ästhetik entstanden."

Gespenstisches Bildmischverfahren

Ein Clip der bis 6. Mai dauernden Ausstellung zeigt die Arbeit an Mengeles 1985 exhumiertem, noch unidentifiziertem Schädel. Der Bonner Forensiker Richard Helmer kam nach Untersuchungen seinerzeit zum Schluss, es sei das Haupt des nach dem Krieg untergetauchten KZ-Arztes. "Aber er wollte die Welt davon auch überzeugen", erläutert Ausstellungskurator Anselm Franke. Helmer kreierte ein gespenstisch anmutendes Bildmischverfahren, indem er auf Fotos mit Mengele in SS-Uniform dessen profiliertes Gesicht passgenau mit den Totenkopfkonturen hinterlegte. "Danach gab es keine Fragen mehr", sagt Franke.

Helmers Kunststück ist heute Methode und auch eines der Mittel zur Rekonstruktion von Massakern. "Zeitgleich zu einem Prozess gegen Ex-Diktator Rios Montt bringen Livevideos von Ausgrabungen an Massengräbern gerade Guatemalas Gegenwart durcheinander", berichtet der Kurator. Ein solcher Clip läuft im Portikus. Junge Leute mit der Schaufel in der Hand und Entsetzen im Gesicht können vor Gericht stärkere Beweiskraft entwickeln als Zeugenaussagen. Und Naziverbrechen sind mithilfe von Zeitzeugen zunehmend schwerer aufzuklären. "Bei aller Wissenschaftlichkeit braucht Forensik auch Rhetorik", sagt Franke. (dapd-hes/Stefan Höhle)a

MENGELES SCHÄDEL

Der Aufstieg der forensischen Ästhetik

04. Februar - 06. Mai 2012

Hito Steyerl
Thomas Keenan & Eyal Weizman
Paulo Tavares

kuratiert von Anselm Franke

Staatliche Hochschule für Bildende Künste - Städelschule, Dürerstrasse 10, D-60596 Frankfurt am Main.
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