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Samstag, den 06. Mai 2017 um 18:38 Uhr

Ein fachkundiges Auditorium in Baunatal ©Foto: Rainer Sander | nh24Gesundheitsforum des Regionalmanagement Nordhessen in Baunatal
BAUNATAL.
Werden wir versorgt, wenn wir krank sind? Wie werden wir versorgt, wenn wir es nicht mehr selbst können? Wie viele Ärzte braucht Nordhessen und wo werden sie auf ihre Patienten warten? Kommen sie auch zu uns?

Brauchen wir bald spitze Ellenbogen und gesunde Verwandte, um Termine und Behandlungen erkämpfen zu können? Erleben wir als erste die Diagnose am PC? Bringt der Briefträger die Medikamente oder der Apotheker?

Seehofer in den 90ern: zu viele Ärzte

Für den liberalen Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, hat das eigentliche Problem in der Zeit von 1992 bis 1998 begonnen. Da habe Horst Seehofer als Bundesgesundheitsminister erklärt, in Deutschland gäbe es zu viele Ärzte und seitdem stünden statt 90.000 nur noch 79.000 Studienplätze für Medizin zur Verfügung. Rechnerisch wurden seitdem folglich 200.000 Ärzte weniger ausgebildet. Zwölf Jahre dauert es, Ärzte auszubilden und pünktlich, so Dastych, zwölf Jahre nach Seehofer in Berlin begann die Diskussion über Ärztemangel in Deutschland.

Für Staatssekretär Lutz Stoppe ist das System weitgehend intakt ©Foto: Rainer Sander | nh24 Prof. Dr. Franke aus Schwalm-Eder ist Vorsitzender des Gesundheitssausschusses in Berlin ©Foto: Rainer Sander | nh24 Dr. Bettina Hoffmann aus dem Chattengau sitzt für die GRÜNEN in der Verbandsversammlung des Landeswohlfahtsverbandes ©Foto: Rainer Sander | nh24 Ärztevertreter Frank Dastych ©Foto: Rainer Sander | nh24

So lautet die Analyse des Ärztevertreters für den Ursprung der Diskussion beim Gesundheitsforum des Regionalmanagement Nordhessen in Baunatal am Donnerstag. Nach einem Impulsreferat von Benno Legler (WifOR Instutut) diskutierten Frank Dastych zusammen mit dem Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium Lutz Stoppe (CDU), dem Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag Prof. Dr. Edgar Franke (SPD | Gudensberg), Jochen Rube, (FDP-Waldeck-Frankenberg), Dr. Bettina Hoffmann, (Grüne | Niedenstein) und Torsten Felstehausen (Die Linke | Kaufungen) unter der Leitung von Baunatals Stadtverordnetenvorsteher Peter Lutze. Der war im beruflichen Leben zuletzt beim kommunalen Gesundheitskonzern Vitos tätig.

Dem besten System der Welt fehlen 160.000 Pflegekräfte

Peter Lutze stellte die Fragen ©Foto: Rainer Sander | nh24Vorweg: Ein greifbares Ergebnis gab es nicht. Noch nicht mal das Problem ist für alle Diskutanten das Gleiche. Klar! Vielmehr wurden die Schwierigkeiten und die verschiedenen Positionen deutlich. Für den Staatssekretär (Stoppe) müssen wir eines der besten Systeme der Welt haben, in dem wir bei guter Versorgung länger leben. Der Sozialdemokrat Franke muss darauf hinweisen, dass wir mehr Ärzte haben als je zuvor, die aber auch nicht mehr 15 Stunden am Tag arbeiten wollen. Der LINKE Felstehausen weiß dann zu ergänzen: „Es fehlen aktuell 160.000 Mitarbeiter in der der Pflege“ und fragt: „Was nutzen da die Ärzte?

Die GRÜNE Hoffmann gibt zu bedenken: „Der Patient muss bei allen Quoten und Bedarfszahlen im Mittelpunkt stehen!“ Nicht möglichst viel Leistung zum kleinen Preis, sondern den Bedarf ernst zu nehmen, sei das Thema. Ausländische Ärzte könnten uns retten, hätten wir ein Zuwanderungsgesetz, erklärt Rube. Dann würden die Menschen in ärmeren Ländern unterversorgt bleiben und sich noch mehr Migranten auf den Weg machen, konterte Felstehausen.

Nicht alle haben das gleiche Problem

Aus Baunatal dabei: Bürgermeister Manfred Schaub und Seniorenbeauftragter Kaiser ©Foto: Rainer Sander | nh24Bei der Problemanalyse geht es schon weit auseinander. Von Geschäftsmodellen spricht der FDP-Mann Rube, von Vertrauen, die GRÜNEN-Frau Hoffmann. Allendorf/Eder habe 62 Prozent Versorgungsquote mit Ärzten, Kassel hingegen 125 Prozent, rechnet der LINKE Felstehausen vor. Immer weniger Männer und dafür mehr Frauen studieren Medizin. Die arbeiten aber anders, wenn sie eine Familie gründen. Die Regionen üben unterschiedliche Anziehungskraft aus. Gleichzeitig verschwinden die Kliniken in der Breite. Dass auch die Hebammen verschwinden, macht Bettina Hoffmann so große Sorgen, dass sie davon spricht, dass wir ohne baldige Lösung verzweifeln werden.

Telemedizin, Digitalisierung und Substituierung?

Torsten Felstehausen arbeitet als Gesundheitsberater und vertrat die LINKE ©Foto: Rainer Sander | nh24Können Telemedizin und Digitalisierung - vom Diabetessensor bis zu ausgelesenen kardiologischen Daten, in einer Region, die es nicht schafft, schnelles Internet in jeden Haushalt zu bekommen, eine Lösung sein? Wie weit darf die Speicherung digitaler Informationen auf der Patientenkarte gehen? Speichert sie nur Notfalldaten oder erlauben „gesunder“ Menschenverstand – wenn es denn gesund ist - und Datenschutz gemeinsam mehr? Der Hausarzt hat keine Bereitschaft mehr, aber der Bereitschaftsarzt darf die Daten nicht sehen und wenn der Hausarzt auch der Bereitschaftsarzt ist, darf er mitunter seine selbst eingegebenen Daten nicht sehen, erklärt Dastych mit zynischem Unterton. Er würde sich auch über Sammeltaxis zu den Ärzten freuen.

Dastych ist auch derjenige, der einer Substituierung von Leistungen am vehementesten widerspricht. Von wegen Auslagerung zu anderen Therapeuten statt ausschließlich ärztlicher Versorgung? Jeder ist sich selbst der Nächste. Auch dass immer mehr Medizinische Versorgungszentren entstehen wird nicht einheitlich als Lösung gesehen. Wenn Kliniken damit nur das tun, womit sie Geld verdienen, aber den „unrentablen Rest“ an die Hausärzte delegieren, die es in der Breite dann nicht mehr gibt, entstehen neue Lücken.

Rosinenpickerei und Numerus Clausus

Benno Legler hielt das Impulsreferat über die Zukunft der Medizin ©Foto: Rainer Sander | nh2Rosinenpickerei ist scheinbar Trend in der Medizin. Man tut, was wirtschaftlich ist. Folgt man dem unaufhaltsamen Trend zur Digitalisierung, soll es dabei auch um Wirtschaftlichkeit gehen: Rube: „Digitale Hilfsmittel helfen, mit weniger Menschen auszukommen.“

Aber alles beginnt mit der Studentenauswahl. Wenigstens eine unwidersprochene These in der Runde gab es: „Ein Abi-Durchschnitt von 1,0 macht noch keinen guten Arzt", (Hoffmann). Prof. Dr. Franke weiß: Auch wer in der Jugend Fußball gespielt hat und daher nur 1,5 im Abi geschafft hat, ist ein ehrgeiziger Mensch und vielleicht ein guter Arzt.

Und nun?

Regionamanager Holger Schach hatte eingeladen, weil das Regionalmanagement die Gesundheitsregion Nordhessen entwickeln will. Ob sich eine Stadt wie Kassel zurücklehnen kann oder eine Stadt wie Schwarzenborn Arbeitgeber von Ärzten werden muss, derzeit ist beides möglich – und nötig. Fast hätte man zu allen Beiträgen applaudieren können. Aber wenn das Problem schon nicht für alle das gleiche ist, dürften die Lösungen nicht ganz einfach werden. Ein aufschlussreiches Forum, das allerdings wenige bemerkt haben – im Publikum saßen schließlich nicht die Bürger Nordhessens – und ohne das es womöglich auch nicht anders weiterginge (siehe Kolumne: http://www.nh24.de/index.php/schwalmstadt/201-schwalmstadt/94743-die-kolumne-gesundheit). (rs)

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