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„Grenzerfahrungen“ eines jungen Mannes Drucken E-Mail
Samstag, den 30. Mai 2015 um 14:33 Uhr

©Foto: privat | nhThomas Raufeisen berichtet an der Carl-Bantzer-Schule über die Flucht seiner Familie in die DDR
Schwalmstadt.
„Ein Leben im Spannungsfeld zwischen Demokratie und Diktatur“ – diesen Titel trägt der Vortrag von Thomas Raufeisen, der 1962 in Hannover geboren wurde, dort bis zu seinem 17. Lebensjahr aufwuchs und der am 22.01.1979 mit seiner Familie in die DDR fliehen musste.

55 Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 10 glaubten anfangs, sich verhört zu haben.

Schließlich hatten sie im Unterricht erfahren, dass in den 40 Jahren des Bestehens der DDR doch ca. 3,8 Millionen Menschen in die andere Richtung geflohen waren. Welches merkwürdige Schicksal mochte dieser Mann, Thomas Raufeisen, ihnen wohl berichten?

©Foto: privat | nhIm Januar 1979 floh ein Oberleutnant des Ministeriums der Staatssicherheit (MfS), Werner Stiller, in die Bundesrepublik und enttarnte dem Bundesnachrichtendienst (BND) ein Netzwerk von Wirtschaftsspionen, die seit über 20 Jahren in hohen Positionen westdeutscher Firmen tätig waren. Auch Thomas Raufeisens Vater war ein solcher Spion, der seit 1959 für das MfS die hannoversche Firma Preussag als leitender Ingenieurgeologe ausspionierte. Thomas, 16 Jahre alt und sein Bruder Michael, 18 Jahre alt, wussten nichts vom Doppelleben des Vaters. Sie waren ganz normal in Hannover aufgewachsen, gingen dort zur Schule, betrieben Sport und hatten ihre Freunde. Weil Vater Armin rechtzeitig durch gewarnt wurde und er einer Verhaftung durch den BND entgehen wollte, floh die Familie auf Anordnung des MfS am 22.01.1979 in die DDR. Weder Mutter Charlotte, noch die Brüder wussten davon; ihnen wurde glaubhaft erzählt, dass Thomas` Großvater auf der Insel Usedom im Sterben liege.

Die Raufeisens hatten schon oft Urlaub bei ihren Verwandten in der DDR gemacht – doch diesmal, so erinnert sich Thomas Raufeisen, „war irgendwie alles anders“. Normalerweise benötigte man ein Einreisevisum, auf das man ca. sechs bis acht Wochen warten musste…, normalerweise wurde man bei der Einreise lange durchsucht…, normalerweise durfte man die Transitrouten nicht verlassen… Nur die Mutter schöpfte Verdacht, sagte aber nichts.

©Foto: privat | nhIn einem geheimen Haus der Stasi in Eichwalde bei Berlin erfuhren die Brüder am nächsten Morgen von der Agententätigkeit ihres Vaters. Ihnen wurde – so Thomas Raufeisen – „der Boden unter den Füßen weggerissen“. Niemals hätten sie das von ihrem Vater, den sie zu kennen glaubten, erwartet, weil dieser kein „Draufgängertyp“ war. Mitarbeiter des MfS eröffneten den Brüdern, dass sie Hannover nie mehr sehen würden, außer „es würde sozialistisch werden“. Während der ältere Bruder Michael sich hartnäckig weigerte, die Staatsbürgerschaft der DDR zu beantragen und in den Westen ausreisen durfte, musste der noch minderjährige Thomas bei seinen Eltern in der DDR bleiben.

Die Stasi kümmerte sich um ihren „Helden“ und besorgte der Familie eine Wohnung, dem Vater eine neue Arbeitsstelle im Zentralen Geologischen Institut der DDR, und für Thomas wurde eine gute Schule in Berlin gefunden, die Erweiterte Oberschule Immanuel Kant in Berlin-Lichtenfelde (Thomas ging in Hannover bereits in die 11. Klasse und wollte das Abitur ablegen).

Mit vielen, detailreichen Impressionen schilderte Thomas Raufeisen den Schülerinnen und Schüler (die ja in seinem Alter waren, als die Familie floh), wie er versuchte, sich in seiner neuen, ihm fremden Umgebung zurechtzufinden.

Ganze drei Monate hielt er es an der neuen Schule aus. Das morgendliche Singen von Arbeiterliedern, der Fahnenappell, der politische Unterricht und das Werfen von entschärften Eierhandgranaten im Sportunterricht waren ihm zuwider. So begann er eine Ausbildung zum Automechaniker im VEB Auto Trans Berlin.

Auch der Vater Armin war schnell desillusioniert, musste er doch erkennen, dass seine Spionageergebnisse aus der Preussag nicht verwertet wurden. Zudem stand die Familie ständig unter der nicht einmal verdeckt gehaltenen Kontrollen des MfS – stets folgte dem gelben Audi 100 ein farbloser Lada oder Trabant.

©Foto: privat | nhDie Familie wurde immer unzufriedener und versuchte über die Botschaft der Bundesrepublik in Budapest, Ungarn, zu fliehen. Weil der Vater aber ja als ehemaliger Spion der DDR enttarnt war, erfuhren sie dort keine Unterstützung. Als sie im September 1981 ein zweites Mal nach Ungarn fahren wollten, wurde Thomas verhaftet und zur ersten Vernehmung in die Untersuchungshaftanstalt des MfS in der Berliner Magdalenenstraße gebracht. Die Eltern wurden bei einem Fluchtversuch am selben Abend auf der Autobahn verhaftet und ebenfalls dorthin gebracht. Am nächsten Tag wurde die Familie in die Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen verlegt.

Mehr als ein Jahr später wurde Thomas Raufeisen dort wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ und „landesverräterischer Agententätigkeit“ zu drei Jahren Haft verurteilt (gemeint sind die Besuche in Ungarn und der Kontakt zum Bruder Michael, der in Hannover lebte). 1993 erfuhr er aus seiner Stasi-Akte, dass das Strafmaß bereits einen Monat vor Beginn der eigentlichen Gerichtsverhandlung durch den Stasi-Chef, Erich Mielke, festgesetzt worden war. Zwei Jahre verbrachte er in der Sonderhaftanstalt Bautzen II. Nach seiner Freilassung im September 1984 wurde ihm die Ausreise in die Bundesrepublik genehmigt, so dass er wenig später nach Hannover zurückkehren konnte. Seine Mutter Charlotte wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, der Vater Armin gar zu lebenslänglicher Haft. Allerdings starb dieser bereits 1987 „unter unerklärlichen Umständen“ in der Haftanstalt Bautzen II.

Thomas Raufeisen hat seine tragischen Erlebnisse in dem Buch „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“, erschienen im Herder-Verlag, verarbeitet. Sein Besuch an der Carl-Bantzer-Schule wurde unterstützt durch das Zeitzeugenprogramm der Hessischen Staatskanzlei. (pm)

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Kommentare

 
-3 # Alyeska 2015-05-31 18:05
Mir erschließt sich nicht, mit welcher Begründung hier einige "Intelligenzbol zen" (aktuell genau 6) für den Beitrag von "Leser" die "Daumen runter" vergeben haben.
Es sind reine sachbezogenen Links in seinem Beitrag enthalten!
Es besteht natürlich die Gefahr, beim Anklicken dieser Links seinen Horizont zu erweitern - vielleicht war es ja aus reiner Angst genau davor (man könnte ja womöglich etwas Neues erfahren) *seufz*
Oder lag es daran, daß die betreffenden "Herrschaften", die den "Daumen runter" gesetzt haben, nur zu faul waren, sich diese Links anzusehen?
Dem Administrator melden
 
 
+1 # Peuker 2015-06-08 09:38
Die Vergangenheit hohlt jeden ein ;ob Knast in der Bundesrepublik oder Knast in der DDR ist doch letztlich das gleiche Ergebnis.
Verdienter Lohn für verdiente Spionagtätigkei t
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-1 # Eowyn 2015-06-08 10:44
Wer so gar keine Ahnung hat sollte sich selbst hohle Kommentare ersparen :cry:
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