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«Es war ein geschlossenes System» PDF 
Geschrieben von: ddp-Korrespondent Stefan Höhle   
Sonntag, 07. März 2010 um 18:05 Uhr
Leiterin der Odenwaldschule geht in die Offensive - Opfer berichten von sexuellen Übergriffen
Die Odenwald Schule in Ober Hambach bei Heppenheim. Die «Frankfurter Rundschau» (Samstagausgabe) berichtete, der Vorstand der Odenwaldschule in Heppenheim habe den jahrelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Paedagogen eingeraeumt. Schulleiterin Margarita Kaufmann sagte der Zeitung: "Es ist fuer mich eine Tatsache, dass hier mindestens seit 1971 sexueller Missbrauch stattgefunden hat." (Foto: Thomas Lohnes/ ddp)
Heppenheim.
Wenn die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim im April ihr 100-jähriges Bestehen feiert, steht der traditionsreichen Reformschule ein Fest der besonderen Art ins Haus. Denn am Wochenende wurde bekannt, dass an dem Privatinternat in den 70er und 80er Jahren zahllose Schüler missbraucht wurden - und dass dieser Missbrauch über Jahre hinweg weitgehend vertuscht wurde.

Dieses Schweigen wollten einige der damaligen Opfer nicht mehr hinnehmen. In der derzeitigen Schulleiterin Margerita Kaufmann haben sie nun eine Verbündete gefunden.

«Es kann sein, dass in der Festschrift eine weiße Seite erscheint», sagte Kaufmann am Sonntag. Eine Überschrift trage das leere Blatt jedoch. «So sieht die Aufarbeitung aus Sicht der Opfer aus», schwebt Kaufmann als Titel vor. Ob die Jubiläumsbroschüre am Ende doch über dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Schule berichten wird, entscheidet sich derzeit in einem Machtkampf zwischen Kaufmann und dem Schulvorstand.

Die in der Vergangenheit wichtigsten Stimmen im Vorstand waren die des Trägervereins der reformpädagogischen UNESCO-Projektschule im Heppenheimer Ortsteil Ober-Hambach. «Das Nest war früher selbstständig, daher nennen wir die Odenwaldschule bis heute OSO», erzählt TV-Moderatorin Amelie Fried, die 1975 ihr Abitur in dem idyllisch gelegenen Flecken im Südosten Darmstadts ablegte. Fried engagiert sich seit Jahren im OSO-Altschülerverein und gehört zu den prominentesten Kritikern des Schulvorstandes, dem sie vorwirft, die vollständige Aufarbeitung der Vorfälle glattweg zu verhindern.

Von 1972 bis 1985 leitete der Pädagoge und Theologe Gerold B. die OSO. 1999 gingen fünf ehemalige Schüler mit Vorwürfen gegen den Pädagogen an die Öffentlichkeit, die Staatsanwaltschaft stellte die begonnenen Ermittlungen dann aber wegen Verjährung wieder ein. B. war danach weiter jahrelang gern gesehener Gast in Talkshows und schrieb noch 2002 im Vorwort zu einem von ihm verfassten reformpädagogischen
Werk: «Schule hat die Körper von Kindern und Jugendlichen lange missachtet.»

Weil sie nicht noch einmal zehn Jahre Schweigen über das Missachten ihrer Körper erdulden wollten, wandten sich 2008 mindestens 20 ehemalige Altschüler an das Internat und berichteten von Missbräuchen, die jetzt über 20 Jahre zurückliegen. «Zumindest 20 Opfer kann ich namentlich nennen», sagt die heutige Direktorin Kaufmann, die seit 2007 im Amt ist. Mitarbeiter der OSO und Altschüler berichten von über 50 Opfern, die sich zu Wort gemeldet hätten. Ein Betroffener schilderte laut Kaufmann einen 400-fachen sexuellen Missbrauch durch den ehemaligen Schulleiter.

In den Berichten der ausschließlich männlichen Opfer ist laut Kaufmann noch von weiteren Tätern die Rede, von erzwungenem Oralverkehr, von Weckzeremonien mit Streicheln der Genitalien und der Herabwürdigung zu «sexuellen Dienstleistern». Die Berichtszeit, sagt die Schulleiterin, reiche von 1970 bis 1982: «Es war ein geschlossenes System, und irgendwann musste es einen Schlag geben.» Den hat sie mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit nun selbst geführt. Eine Jubiläumsfeier ohne restlose Aufklärung soll es nach ihrem Willen nicht geben.

Bei den rund 100 Mitarbeitern der OSO findet Kaufmann Unterstüzung. «Lehrer» ist auf der OSO ein ungebräuchliches Wort, sie heißen «pädagogische Mitarbeiter» und stellen gut die Hälfte des Gesamtteams. 60 Mitarbeiter warfen nun am 4. März in einer schriftlichen Stellungnahme dem Schulvorstand vor, eine «offensive Aufarbeitung» der Vorfälle, «Opfersolidarität» und selbst «eine Entschuldigungsgeste» abzulehnen. «Wir hatten dem Vorstand unseren Wunsch signalisiert, das Schreiben zu veröffentlichen», sagt ein Mitunterzeichner. Entsprochen wurde dem Wunsch nicht, und auf eine Reaktion des Adressaten warten die Absender weiter.

Nicht nur die Verfasser des Schreibens, auch Schüler und Ehemalige der OSO erhoffen sich nun einen kompletten Rücktritt des Vorstands, dem auch Direktorin Kaufmann angehört. Mit einer Neubestimmung des Gremiums und einer Wiederwahl ihrer Schulleiterin soll der OSO dann zum Jubiläum ein Neuanfang gelingen. «Die OSO darf nicht in den Abgrund stürzen», sagt Fried, «aber dafür müssen jetzt Köpfe rollen.»

Mehr zum Thema in nh24:
Sexueller Missbrauch an Odenwaldschule
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