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Geschrieben von: ddp-Korrespondentin Mascha Schacht   
Montag, den 08. März 2010 um 08:19 Uhr
Im Kampf gegen das Chronische Erschöpfungssyndrom helfen den Betroffenen regelmäßige Aktivitäten

Peter A. Berg: «Chronisches Müdigkeits- und Fibromyalgiesyndrom: Eine Standortbestimmung», Springer, 2003, 24,95 Euro, ISBN: 978-3540441946Kassel.
«Nach ein paar Stunden Schlaf fühlst du dich wie neugeboren.» Die heilsame Wirkung des Schlafs ist unbestritten, dennoch gibt es Menschen, denen dieser oft zitierte Spruch wie Hohn in den Ohren klingen muss: Sie leiden unter dem sogenannten Chronischen Erschöpfungssyndrom, auch CFS (Chronic Fatigue Syndrom) genannt. Egal wie oft, wie tief und wie lange sie schlafen, schon geringe körperliche oder geistige Aktivitäten rufen bei ihnen einen tiefen, lang anhaltenden Erschöpfungszustand hervor. Das Krankheitsbild ist sehr komplex und noch wenig bekannt, weshalb es oft viele Monate oder gar Jahre dauert, bis bei einem Patienten die Diagnose CFS gestellt werden kann.

Professor Bernd Löwe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt, was die Diagnose so schwierig macht: «Anhaltende Müdigkeit und dauernde Erschöpfung können viele verschiedene Ursachen haben: Herz- oder Lungenkrankheiten kommen beispielsweise ebenso infrage wie Krebserkrankungen, Virusinfektionen, Depressionen oder eine Schilddrüsenunterfunktion.» Erst wenn alle bekannten körperlichen und psychischen Erkrankungen ausgeschlossen werden können, spricht man von Chronischer Müdigkeit, beziehungsweise dem Chronischen Erschöpfungssyndrom, wie der Fachbegriff lautet. «Außerdem muss dieser Zustand über mindestens sechs Monate hinweg bestehen. Häufig wird er von weiteren Symptomen begleitet, etwa von unerklärlichen Muskel- oder Gelenkschmerzen oder Spannungskopfschmerz», erläutert der Experte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Eben weil es sich um eine Ausschlussdiagnose handelt, haben die meisten CFS-Patienten eine wahre Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich - und sind danach nicht selten resigniert und verbittert. Verständlicherweise, denn neben ihren körperlichen Beschwerden erleben viele immer wieder Zurückweisung und mangelndes Verständnis vonseiten unwissender Ärzte, hilfloser Angehöriger sowie zweifelnder Arbeitgeber oder Kollegen. «Das führt bei einigen Patienten dazu, dass sich nach einiger Zeit neben der chronischen Erschöpfung auch noch eine Depression entwickelt», weiß Löwe aus Erfahrung.

Für viele bringt die Diagnose CFS eine unglaubliche Erleichterung mit sich: Ja, deine Leiden gibt es tatsächlich und du bist nicht der einzige Betroffene. Auch wenn unklar ist, wie viele CFS-Patienten es in Deutschland eigentlich gibt - die letzten offiziellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums stammen aus dem Jahr 1994 und berichten von rund einer Million Erkrankten. «Wenn man nur die Abrechnungsdaten der Krankenkassen betrachten würde, wären es zwar deutlich weniger Betroffene, wir gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus, weil CFS häufig nicht erkannt oder als anderes Krankheitsbild codiert wird, etwa als Depression», erklärt Ursula Marschall, die bei der Krankenkasse Barmer GEK das Kompetenzzentrum Gesundheit leitet.

Die Anästhesistin und Schmerztherapeutin aus Berlin weiß sowohl um die Erleichterung über die Diagnose als auch um die Enttäuschung, die häufig darauf folgt, wenn die Patienten erfahren müssen, dass ihnen Medikamente keine Linderung bringen werden. «Zwar kann man eine hinzugekommene Depression medikamentös behandeln, nicht aber das Chronische Erschöpfungssyndrom an sich», bedauert Marschall. «Die einzige Therapie, die langfristig tatsächlich Besserung bringen kann, hört sich für die meisten Betroffenen zunächst wie ein Widerspruch an: Statt sich zu schonen, soll der ohnehin schon erschöpfte Patient nun erst recht aktiv werden.»

Die Ärztin erläutert den Grund für diese Therapie: «Wer ständig müde ist, vermeidet instinktiv Belastungen, wo es nur geht. Das führt zum einen zu einer körperlichen Verschlechterung, indem zum Beispiel ganz konkret Muskeln abgebaut werden und die Ausdauer nachlässt. Darüber hinaus ziehen sich viele Betroffene nach und nach aus dem sozialen Leben zurück und beschäftigen sich nur noch mit sich und ihrer Krankheit. Dadurch können die Symptome verstärkt werden und sich immer mehr verfestigen.»

«Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen», stimmt Bernd Löwe zu: «In der Therapie wird gemeinsam mit dem Betroffenen ein Aktivitätsplan aufgestellt, der sich an der individuellen Belastbarkeit orientiert.» Eine Tagesaufgabe kann etwa darin bestehen, nachmittags zum Sport zu gehen, abends mit Freunden ins Kino, im Extremfall aber auch darin, morgens überhaupt aufzustehen. «Schlafen am Tag ist in der Therapie weitgehend tabu», mahnt der Psychosomatiker und Psychotherapeut, «denn abgesehen davon, dass Schlafen bei CFS keine Erholung bringt, soll ein fester Tagesrhythmus geschaffen werden.»

Der Patient hat den Behandlungserfolg somit weitgehend selbst in der Hand, muss sich jedoch Tag für Tag aufs Neue überwinden, die bleierne Müdigkeit zu ignorieren. Kampfgeist und Durchhaltevermögen seien schon aufgrund der Therapiedauer notwendig, denn spürbare Erfolge stellten sich meist erst nach einigen Monaten ein, berichtet Löwe: «Die Chancen stehen umso besser, je früher mit dem Aktivieren begonnen werden kann.» Nach und nach rückt so das anfangs ferne Ziel in greifbare Nähe: Nach einem anstrengenden Tag ins Bett fallen und am nächsten Morgen erholt aufwachen, fit, leistungsfähig und voller Tatendrang.

Info: Chronisches Erschöpfungssyndrom: So findet man den richtigen Arzt

Menschen, die am sogenannten Chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) leiden, haben auf dem Weg zu dieser Diagnose meist viele negative Erfahrungen gemacht, auch mit Ärzten. «Bei der Therapie ist es darum umso wichtiger, dass sie dem behandelnden Arzt vollkommen vertrauen können», erklärt die Wuppertaler Anästhesistin und Schmerztherapeutin Ursula Marschall, die bei der Krankenkasse Barmer GEK das Kompetenzzentrum Gesundheit leitet. «Infrage kommen bei diesem Krankheitsbild ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten sowie Schmerztherapeuten, viele Betroffene entscheiden sich aber auch einfach für ihren Hausarzt, der sie im Idealfall schon seit Jahren betreut und mit vielen Dingen, die das Leben des Patienten betreffen, ohnehin vertraut ist.»

Die Grundlage der Therapie bilden eingehende Gespräche, in denen ein individueller Aktivitätsplan aufgestellt wird. Dieser wird immer wieder überprüft und angepasst, weshalb es für den Arzt wichtig ist, den familiären Hintergrund, die Arbeit, Vorlieben und Probleme des Patienten möglichst genau zu kennen. Auf diese Weise kann er auf eine veränderte Situation, neu hinzukommende oder wegfallende Stressfaktoren rasch reagieren.

Aber haben Hausärzte heute für derart ausführliche Gespräche überhaupt noch Zeit? Damit das gewährleistet ist, können Hausärzte mit psychosomatischer Grundqualifikation solche Sprechstunden gesondert abrechen. «Die Gebührenordnung sieht entsprechende Ziffern vor. Wichtiger als die Gesprächsdauer ist aber die vertrauensvolle Arzt-Patientenbeziehung», meint Marschall.


Chronic-Fatigue-Syndrom - Weiterführende Informationen

Fatigatio, die größte Selbsthilfeorganisation für CFS-Patienten, bietet unter fatigatio.de Literaturtipps, Filmreportagen und ein Mitgliederforum. Interessierte erfahren zudem die Kontaktdaten der Regionalgruppen.

Unter cfs-portal.de hat der Arzt Hans-Michael Sobetzko ausführliche Informationen zu CFS, der Diagnosestellung und der Behandlung zusammengetragen, zudem steht ein Kalender für das Jahr 2010 mit Cartoons rund um CFS zum Download bereit.

Unter cfs-aktuell.de berichtet die selbst an CFS erkrankte Regina Clos von Konferenzen, Studien und Forschungsprojekten rund um das Chronische Erschöpfungssyndrom. Zudem stehen Broschüren zum Download bereit und es gibt eine Sammlung häufiger Fragen rund um CFS.

Bücher:

Peter A. Berg: «Chronisches Müdigkeits- und Fibromyalgiesyndrom: Eine Standortbestimmung», Springer, 2003, 24,95 Euro, ISBN: 978-3540441946

Jens Gaab, Ulrike Ehlert: «Chronische Erschöpfung und Chronisches Erschöpfungssyndrom», Hogrefe-Verlag, 2005, 19,95 Euro, ISBN: 978-3801716080

Daphne Wurzbacher: «Leben mit CFS/ME», Monsenstein und Vannerdat, 2008, 13,80 Euro, ISBN: 978-3865826671
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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 18. Oktober 2011 um 17:46 Uhr
 

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